Suhl und Coburg - Zwei Städte so nah und doch so fern

Viele Kämmerer deutscher Kommunen schreiben tiefrote Zahlen. Anderen geht es gut. Nun will die Bundesregierung die Gemeindefinanzen reformieren. Gewinner und Verlierer kämpfen um ihre Zukunft.
Die Stadt mit den höchsten Gewerbesteuer-Einnahmen je Einwohner liegt wo? Nicht jeder denkt gleich an das oberfränkische Coburg. Die 40.000-Seelen-Stadt kam 2008 auf 2668 Euro pro Bürger und verwies damit die Bankenmetropole Frankfurt (2473 Euro) auf den zweiten Platz, die bayrische Landeshauptstadt München folgte mit 1272 Euro erst auf Rang fünf. Darauf sind sie stolz in Coburg; „Made in CO“ lautet ihr kraftstrotzender Slogan.
Dafür hegt und pflegt Stadtkämmerer Wilhelm Austen seine örtlichen Unternehmen, darunter die Versicherung Huk Coburg, der Automobilzulieferer Brose und die Kaeser-Kompressorenwerke. Die kommunalen Einrichtungen sind gut in Schuss. „An unseren Schulen blättert keine Farbe von den Wänden“, sagt Austen. Vor allem aber betont der Coburger Kassenwart: „An der Gewerbesteuer darf nicht gerüttelt werden!“
Und wo ist das Gewerbesteueraufkommen am geringsten? Keine 30 Autominuten von Coburg entfernt, in Suhl. Die für ihre Waffenschmiede bekannte Stadt erzielte 2008 dürftige 184 Euro je Einwohner, noch weniger als die Goethe- und Schiller-Stadt Weimar mit 191 Euro. Der „einst südlichste Zipfel der DDR“, wie Suhls Oberbürgermeister Jens Triebel süßsauer sagt, kämpft noch immer mit den Folgen der Wende, die unter anderem den Fahrzeughersteller Simson in die Pleite trieb und die Bevölkerungszahl von 56.000 auf 40.000 Einwohner schrumpfen ließ. Für seine chronisch unterfinanzierte Stadt wünscht sich der Suhler OB mehr funktionsgebundene Zuweisungen vom Bund und dem Land Thüringen und fügt hinzu: „Die Gewerbesteuer ist kein angemessenes und planbares Instrument für die kommunale Finanzierung!“
Suhl und Coburg liegen überall in Deutschland. Reiche und arme Kommunen bilden einen Flickenteppich quer durch die Republik. Einige leben gut aus eigener Kraft, andere hängen am mehrstufigen föderalen Tropf. Die einen verteidigen vehement die Gewerbesteuer, die anderen könnten gern darauf verzichten...
...Solch ein Band gibt es in Suhl leider nicht. Der dramatische Strukturwandel nach dem Mauerfall hat es zerrissen. Die alte Industrie wurde zerstört, nur die alten Lasten blieben, stellt Oberbürgermeister Triebel fest. Zu DDR-Zeiten war Suhl Bezirksstadt für eine halbe Million Menschen, entsprechend groß fielen die kommunalen Einrichtungen samt Kongresszentrum und Philharmonie aus. Und natürlich Platte, Platte, Platte. Viel Kraft geht für Abriss und Umbau der Häuserblocks drauf, bedauert Triebel. Ein ganzer Stadtteil, Suhl-Nord mit ungeliebten Plattenbauwohnungen für 15.000 Einwohner, soll bis 2025 „konvertiert“ werden und dafür – in der Hoffnung auf Arbeitsplätze – ein Gewerbegebiet entstehen.
Und dass Nachbar Coburg heute so glänzend dastehe, merkt man in Suhl gallig an, sei zudem historischer Zufall: 1919 hatte sich die einstige Residenzstadt des Hauses Sachsen-Coburg in einer Volksabstimmung für Bayern und gegen Thüringen entschieden, was die Coburger später vor der DDR bewahrte.
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