2. Tagung Demografischer Wandel und Daseinsvorsorge im ländlichen Raum

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Die Veranstaltungsreihe „Demografischer Wandel und Daseinsvorsorge im ländlichen Raum“ der Konrad-Adenauer-Stiftung in Thüringen erfuhr am 10. Oktober ihre Fortsetzung. Tagungsleiter Daniel Braun begrüßte im Suhler Congress Centrum Gäste aus Politik und Wirtschaft, Verwaltung, Kommunen sowie interessierte Einzelpersonen.

Zu Beginn der Tagung referierte der Thüringer Minister für Bau, Landesentwicklung und Verkehr, Christian Carius. Zuvorderst benannte der Minister die Faktoren des demografischen Wandels wie die Schrumpfung, Alterung, Wanderung sowie Internationalisierung und Individualisierung. Seine Fakten belegten, dass auch die Südthüringer älter werden und gesünder leben. Dennoch, so Carius, gerade in Suhl sei ein rasanter Bevölkerungsrückgang zu erleben. Carius zeichnete zudem eine Binnenwanderung innerhalb Thüringens auf und gab Ausblicke, die auf starke Städte und eine gute Struktur hoffen lassen. Potentiale müssen noch besser erkenn- und nutzbar sein. So hofft der Minister, der mit dem Schlagwort „Nicht anpassen, sondern gegensteuern“ beispielsweise auf das Handwerk. Denn dort sei Unterstützung beim Wohnen und der Lebensgestaltung möglich. Wachstumspotentiale sieht der Minister auch im Tourismus. Senioren seien Zielgruppen, die das Wandern, Kultur, Gesundheit und Genuss gerne vereinen. In seinen Ausführungen kamen auch die Potentiale in der Gesellschaft nicht zu kurz. So sieht Carius noch wichtige Reserven im Ehrenamtlichen Engagement sowohl im sozialen Bereich, Tourismus, Vereinsleben, öffentlichen Leben aber auch in der Wirtschaft. Doch die Thüringer Politik habe dies erkannt, sei auf dem Weg und beginne mit Analysen, könne aber auch schon auf konkrete Zielstellungen setzen. Carius nannte in diesem Zusammenhang die Serviceagentur Demografischer Wandel, den Landesentwicklungsplan 2025, Thüringer Zukunftspreis, EU-Projekt EUREUV sowie der zweite Demografiebericht. Bei all den Maßnahmen und Ideen sollten sich jedoch die wirtschaftlichen Regionen stärker miteinander verzahnen.

Die anschließende direkte und offene Diskussionsrunde mit dem Minister machte Dr. Ralf Pieterwas, der zu den „Auswirkungen des Demografischen Wandels auf die Wirtschaft in Thüringen“ sprach, den Einstieg leicht. Seinen Vortrag widmete der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Südthüringen dem Schlagwort Zuwanderung. Denn Fachkräftemangel herrsche in Thüringen, wie in anderen Bundesländern vor. Einen Fortschritt, um diesem entgegenzuwirken, sei die per 1. April nächsten Jahres in Kraft tretende Gleichstellung der Berufsabschlüsse, die damit beispielsweise spanischen Jugendlichen Arbeit in Thüringen ermöglicht. Pieterwas appellierte an die Behörden und Schulen, verstärkte Kooperationen einzugehen, um jungen Menschen den Beruf und die Arbeit in der Region interessant zu vermitteln. Dabei sollten Unternehmer flexibler werden, denn im Bereich der Dienstleistungen sowie Einzelhandelssektor werden sich die Strukturen ändern. Waren per 1. September 2006 noch 32 freie Lehrstellenangebote im Kammerbezirk zu verzeichnen, sind es momentan 236; besonders in Metallberufen. Inzwischen akzeptierten Firmen sogar schlechtere Noten der Schüler, um diese durch Fachkompetenz wieder auszugleichen. Dr. Ralf Pieterwas sieht bei den Lehrern eine Schlüsselposition. Denn nur ein gemeinsames Handeln aller Akteure schaffe grundlegende Erfolge. In diesem Zusammenhang kritisierte er auch manche Aktivitäten des Thüringer Wirtschaftsministeriums, welche zum Teil Thüringen als „Billiglohn- und Leiharbeiterland“ titulieren ohne sich die reale Situation als auch die Produktivität anzuschauen. Darüber hinaus habe er den Eindruck, dass für das Wirtschaftsministerium und die Landesentwicklungsgesellschaft in ihren Förderaktivitäten Thüringens Grenze am Thüringer Wald liege.

Der Landrätin von Sonneberg Christine Zitzmann wurde anschließend das Wort erteilt. In ihrem, sehr persönlich gehaltenem Plädoyer zur „Sozialen Daseinsfürsorge unter den Bedingen des Demografischen Wandels“ bekam jedes Wort eine praktische Bedeutung und zog die Zuhörer in ihren Bann. Gewissermaßen sprach Christine Zitzmann auch über tagtägliche Arbeit und bediente auch als Landesvorstandsmitglied der Volkssolidarität der Erfahrungen und Anliegen des großen Sozial- und Wohlfahrtsverbandes. Neben konkreten Zahlen über Haushalt und freiwilligen Leistungen, über Kürzungen und mögliche Einschnitte, machte die Landrätin dies auch an speziellen Beispielen fest. Optimistisch stimmt ihre Aussage: „Demografischer Wandel kann und muss als eine Chance für die Region begriffen werden.“ Dabei belegen die Erfahrungen, dass die Menschen konkrete Aussagen über das Leben, Wohnen und Arbeiten in der Region, von der Kinderbetreuung bis hin zum Uni-Studienplatz wollen und brauchen. Und gerade in ihrem Kreis gäbe es da eine Menge Positives zu berichten. Zitzmann malte auch keine Mauer um ihren Landkreis, sondern schloss die Region mit ein, um möglichst viele Menschen für „ihr“ Land zu begeistern. Harte aber auch weiche Standortfaktoren sollten dabei berücksichtigt werden. Die engagierte Landrätin appellierte abschließend auch an die Regierung, eine Konzentration der Aufgabengebiete zu befördern. Miteinander reden, nicht von oben befehlen, könnten hier erste Schritte sein.

Einen ganz anderen Blick auf den Demografischen Wandel warf anschließend Dr. Heike Liebermann. Die Leiterin der Forschungsabteilung Regenerierung von Städten am Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung beschäftigt sich mit künftigen Stadtplanungen. Zuvor jedoch erstaunte die IST-Analyse: Die Nebenanlagen historischer Städtezentren, einfache Gründerzeitquartiere, Hausbestände an Hauptverkehrsstraßen sowie weitere stadtbildprägende Brocken schaffen massive Probleme. Eine Fokussierung, von der Aufwertung der Innenstädte bis hin zur Prioritätensetzung (was ist zukunftsfähig) sollte angestrebt werden. Die Leiterin setzt dabei auf eine Stärkung der Innenstadt und hofft auf Anreize, um Eigentum attraktiver zu gestalten. Dr. Liebermann wünschte sich integrierte Stadtentwicklungskonzepte, die klimagerechte und energetische Faktoren berücksichtigen. Sie wünschte sich u.a. auch einen differenzierten Umgang mit Großsiedlungsbeständen. 

Die Schlagworte Fachkräftemangel, Wegfall freiwilliger Leistungen sowie die Stärkung der Kernstädte riefen die Gäste ans Mikrofon. Unter Moderation von Dr. Christoph Witzel von der Südthüringer Zeitung entspann sich auch eine Diskussion um die Willkommenskultur im Landkreis.

In den sich anschließenden 4 Foren waren Bildung, Wirtschaft, Ehrenamt, Soziale Daseinsvorsorge, Infrastrukturelle Planung und bürgerliches Engagement Themen, zu den intensiv diskutiert wurde. Auf dem Abschlussforum berichtete jeweils ein Teilnehmer aus den Foren über die Inhalte der Diskussion.

Die Teilnehmer trafen wieder in einem Abschlussgespräch zusammen. Erik Thürmer fasste die Inhalte des Forums I „Politische Verantwortung und bürgerliches Engagement“ zusammen. Bekannt sei, dass das Ehrenamt in der Gesellschaft, auch in Thüringen nötig sei. Die immer älter werdende Gesellschaft stellt zudem alle vor neue Herausforderungen. Ein Vorschlag sei dabei die sinnvolle Anpassung von Strukturen sowie die Anerkennungskultur des Ehrenamts.

Forum III Christian Hirte legte die Ergebnisse des weiteren Forums dar. Der Bundestagsabgeordnete formulierte die Eckpunkte der Diskussion zu Wirtschaft und Bildung. Klar war den Teilnehmern, dass die Wanderungsprobleme der Jugendlichen immer nur Richtung West und nicht umgekehrt vollzogen werden. Grund hier liege an einem Imageproblem der kleinen Thüringer Unternehmen, die als potentielle Ausbilder von den jungen Leuten gar nicht wahrgenommen werden. Deshalb sei eine Kooperation, erste Ansätze mit Börsen sind längst bewährt, von einheimischen Firmen und Schulen wünschenswert. Auch Lehrer und Direktoren seien gefragt, die Angebote in der Region zu vermitteln.

Forum IV Der Suhler Stadtrat Marcus Kalkhake fasste die Meinungen des Forums IV zusammen. Das riesige Thema „Städtebau und Infrastrukturelle Entwicklung“ umfasste im Forum drei Fraktionen, so Thüringen, ländliche Regionen sowie Städte und zentrale Orte. Ein Spannungsfeld schaffen immer weniger werdende Mittel zum Verteilen auf die Fläche. Seien vor Jahren noch die Menschen aufs Land gezogen, vollziehen sie dies vermehrt umgekehrt in die Stadt. Ideen wie beispielsweise Tante Emma Läden, Fahrgemeinschaften zu Bildungseinrichtungen, Schulen, medizinische Versorgung sowie Kultur könnten Probleme entspannen.

Doch die Thüringer blicken bei allem Für und Wider optimistisch in die Zukunft und könnten bei der Bewältigung der anstehenden Fragen zum Demografischen Wandeln und Daseinsvorsorge eine Vorreiterrolle spielen, denn in ihrer Außenwirkung wird Thüringen als innovatives und kreatives Land angesehen.